Donnerstag, 15. November 2012

Cloud Atlas

"What is an ocean,
but a multitude of drops?"

Extrem ambitioniert, beinahe tollkühn wirkt das Mammutprojekt der Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer auf den ersten Blick. Die Verfilmung des "unverfilmbaren" Romans von David Mitchell resultiert in einem dreistündigen Opus das aus einer Vielzahl von Orten, Epochen und Charakteren zusammengesetzt ist. In sechs verschiedenen Geschichten transportiert der Film eine Explosion aus Eindrücken und Gefühlen in deren Kern die Schauspieler stehen, die sich chamäleonartig ihrer jeweiligen Umgebung anpassen.

2321 - Eine fantastische Dystopie

Zunächst wird der Zuschauer auf eine kurze Exposition eingeladen, in der die Töne und Settings der sechs Geschichten auf herkömmliche Art und Weise aufgebaut werden. Doch schon während der Exposition nimmt "Cloud Atlas" sein Publikum auf eine Reise mit, die aufregender kaum sein könnte. 1849 - ein junger Anwalt auf einer lebensbedrohlichen Schiffreise nach San Francisco. 1936 - Die so unkonventionelle wie herzzerreißende Liebesgeschichte des Robert Frobisher. 2012 - "The Ghastly Ordeal of Timothy Cavendish", eine deutlich komischere und leichtfüßige Odyssee eines alternden Buchverlegers.

"Scumbag Hanks" - Ein leider viel zu kurzes Highlight
  
Dies sind nur drei der sechs Dimensionen, in denen "Cloud Atlas" sich austobt. Genau so vielseitig wie seine Erzählwelten sind die Themen, die der Film dabei behandelt. Jedes Segment bringt dabei genug Substanz mit um einen eigenständigen Film zu füllen, vor allem die Geschichte der Sonmi-451 im futuristischen (Neo-)Seoul von 2144 strotzt nur so vor Ideenreichtum und Tiefe.
Doch würde es dem Film einen klaren Abbruch tun, seine Einzelteile zu sezieren und ihre Zusammenhänge zu analysieren. Viel zu magisch ist dafür die Kernaussage des Stücks, die in einer genial platzierten Aufnahme der Milchstraße eingerahmt wird.

 Hugh Grant erneut in einer seiner typischen Rollen

Ein absoluter Spaß ist es, am Anfang des Abspanns die Schauspieler ihren Inkarnationen zugeordnet zu sehen. Auch wenn man Gesichter wie Hugh Grant und Tom Hanks in den meisten ihrer opulenten Masken erkennt, die eine oder andere Überraschung wird der Zuschauer mit Sicherheit erleben.
Die Leistung der Darsteller bleibt allerdings nicht hinter der Arbeit der Maskenbildner zurück. Ein breit gefächerter Cast, u.A. bestehend aus Tom Hanks, Halle Berry, Ben Whishaw und Jim Broadbent liefert gewohnt starke Leistungen ab. Bemerkenswert ist auch Hugh Grant, der in seinen antagonistischen Rollen unheimlich erfrischend wirkt.

Neo-Seoul, die Geburt einer Ikone

Die konstant hohe Qualität des Films beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Welt vor der Kamera. Die Sci-Fi-Fantasy-Supergenies Andy und Lana Wachowski (Und ja, ich werde die Matrix-Sequels bis zu meinem Todestag verteidigen) kreieren in "Cloud Atlas" gleich zwei futuristische Welten, die gleichermaßen pulsieren und lebendig wirken. Die Kollaboration mit Tom Tykwer, der sich den drei eher geerdeten Teilen des Films annimmt, funktioniert ausgezeichnet und die verschiedenen Wege der drei Regisseure sowie ihrem Chor an Charakteren fügen sich am Ende zu einem runden Ganzen zusammen.
Der extraordinäre Schnitt des Films (beigesteuert vom deutschen Alexander Berner) macht dabei eine der wichtigsten Komponenten des Films aus. Mühelos und elegant wie ein Balletttänzer springt der Film zwischen Hunderten von Jahren hin und her und schafft es, unvorstellbare Distanzen innerhalb eines Frames zu überbrücken. Nicht selten habe ich mich an den berühmten Schnitt am Ende der "Dawn of Man"-Sequenz von 2001 erinnern müssen. Eine große Leistung.

"I believe there is another world waiting for us. A better world.
And I'll be waiting for you there"


Mit seinen drei Stunden Laufzeit und einem Universum an Bildern und Emotionen ist "Cloud Atlas" sperriger als etwa 100% der modernen Kinofilme. Trotzdem oder gerade deswegen macht es mich unheimlich glücklich, dass ein Film wie dieser produziert wurde. Wenige Grenzgänger finden sich heutzutage außerhalb der Programmkinos, in einer Welt in der sich der Schwerpunkt der populären Filme immer mehr in die Richtung der leichten Kost und dem schnellen, kurzen Spaß entwickelt. "Cloud Atlas" steht stolz und mit geschwellter Brust dagegen und ist ein Denkmal für das, was Kino eigentlich bedeutet: einige Stunden die Realität loszulassen und sich auf eine Reise begeben. Gleich sechs dieser Reisen werden hier angeboten, jede davon in die entlegensten Orte die man sich vorstellen kann. Doch hinter all dem Spektakel und den Kulissen der fantasievollen Geschichten beschäftigt sich "Cloud Atlas" im Wesentlichen mit den fundamentalsten menschlichen Fragen und Prinzipien.



Ein großer Film auf kleinem Maßstab, ein bemerkenswertes und einzigartiges Kunststück, einer der wenigen Filme nach denen irgendwie Nichts so ist, wie es vorher war.

10/10 

Keine Kommentare: